Prof. Dr. Ernst Agneter

Im Interview: Wie Verkomplizierungen Systeme destabilisieren

 

IQVIA Österreich unterstützt die Teilnahme von acht Mitarbeitern aus der Industrie an den vier Seminarmodulen des „Certfied Professional“-Lehrgangs der Pharmig Academy 2018. Univ.-Prof. Dr. Ernst Agneter, MBA leitete – gemeinsam mit jeweils einem Vertreter der Pharmaindustrie und des Hauptverbandes – das Intensivseminar „Erstattung in Österreich. Rechtliche Bestimmungen und praktische Anwendung“ am 17. Mai 2018. IQVIA bat ihn um ein Interview.

Professor Agneter erklärt im Interview, warum die Erstattung ein viel diskutiertes Thema ist und in diesem Seminar ein ganz besonderer Einblick in die Materie gewährt wird. Agneter ist Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie, geschäftsführender Gesellschafter der Agneter PharmaConsulting GmbH und Chief Editor des österreichischen Gesundheitsökonomie-Journals „Ökonomie & Gesundheit“.

Herr Professor Agneter, worum ging es in Ihrem Vortrag zum Thema Erstattung in Österreich im Rahmen der Pharmig Academy?

Es ging einerseits um die Darstellung der rezenten Situation der Erstattung in Österreich – wie sie von Industrie, hier unterstützt mich Herr Dr. Michael Pohl, und Hauptverband, Herrn Dozent Sauermann, gesehen wird. Andererseits wurde kein reiner Vortrag geboten, sondern auch die Möglichkeit, Probleme sowohl aus der Warte der Industrie als auch des Hauptverbandes anzusprechen. Das ist sicher eine einzigartige Gelegenheit für ein umfassendes Bild der Thematik.

Für wen ist dieses Seminarmodul am besten geeignet und warum?

Das Seminar passt für alle, die mit dem Thema Erstattung konfrontiert sind – Unternehmen, Mitarbeiter der Gesundheitsbranche, Agenturen, eben alle relevanten Stakeholder, die die Zusammenhänge und den Hintergrund von Veröffentlichungen der Pharmig und des Hauptverbandes verstehen wollen. Hier gibt es oft Diskrepanzen in Abhängigkeit von der jeweiligen Perspektive. In unserem Seminar ist besonders spannend, wie diese Diskrepanzen von beiden Seiten gleichzeitig beleuchtet werden.

Gibt es entscheidende gesetzliche Änderungen, die aufgegriffen wurden?

Wir versuchen immer, am Puls der Zeit zu sein und sprechen daher die neuesten gesetzlichen Änderungen an. Die letzte ASVG-Novelle stammt aus dem letzten Jahr und noch immer ist nicht alles in das Tagesgeschäft übergegangen. Wir haben in unserem Seminar die unterschiedlichen Interpretationen der Stakeholder diskutiert, was eine neue Perspektive ergibt.

In welchen Bereichen sehen Sie die größten Fallstricke der rechtlichen Grundlagen des Erstattungskodex?

Die letzte große Änderung der Erstattungsregeln – und damit auch der Verordnungen und Auslegungen – liegt schon lange zurück. Zum Teil haben sich widersprüchliche Auslegungen ergeben und durch die Möglichkeit, in die Instanzen zu gehen, wurde beidseitig aufgerüstet. Es kommt hier zu einer „Verrechtlichung“ der Vorgangsweisen. Nun ist der wichtigste Punkt, die „Fallstricke“ der Verrechtlichung zu vermeiden. Es soll wieder eine fachliche medizinische Auseinandersetzung geben, die am Ende eine bessere medizinische Versorgung sicherstellen kann.

Sind diese konstruktiven Auseinandersetzungen auch Teil des Seminars?

Ja. Daher ist der Zulauf zu den Erstattungsseminaren seit Beginn der Pharmig Academy auch ungebrochen. Es handelt sich hier eben um ein zentrales Thema für die Industrie, aber auch für den Hauptverband. Es gibt sicherlich nicht viele Seminare, bei denen derart offen in einer Dreier-Conférence widersprüchliche Aussagen durchexerziert werden können. Deshalb legen wir großen Wert darauf, dass hier keine Frontalvorträge geboten werden, sondern konstruktiver Austausch und spannende Diskussionen.

Auch das Boxensystem ist ein wichtiges Thema. Wie sieht es hier mit Vor- und Nachteilen aus?

Die ursprüngliche, fachlich und sozial richtige Idee war, einen bundesweit einheitlichen Zugang zur Erstattung zu schaffen. Das Problem dabei: Es kam es zu einer zusätzlichen Verkomplizierung. Die Verkomplizierung eines Systems destabilisiert es. Jetzt haben wir so viele Regeln, dass es mittlerweile unmöglich geworden ist, konsistent vorzugehen. Es gibt unzählige Möglichkeiten für Preissenkungen, aber kaum welche für Preiserhöhungen Das ist aber nicht zum Vorteil der Patienten, ja, nicht einmal immer zum Vorteil des Gesamtsystems.

Daher gibt es eigentlich nur eine Lösung: Ärzte verordnen heute ökonomischer und sind sensibilisierter. Ein behandelnder Arzt hat immer ein umfassendes Bild seines jeweiligen Patienten, welche Entscheidungen medizinisch sinnvoll sind. Ich bin ein Verfechter der Arzt-Patienten-Verantwortung. Die individuelle, fachlich versierte ärztliche Meinung ist besser als eine am Durchschnitt orientierte Regel.

Noch ein Thema im Erstattungsseminar: Wie schätzen Sie die Preisbildung in Österreich im internationalen Vergleich ein?

Wir sind aktuell das viertreichste Land der EU und der Durchschnittspreis in der EU definiert unseren maximal möglichen Erstattungspreis. Das ist für ein Land mit einem derart hohen Lebensstandard schwer nachvollziehbar.

Welche Aspekte der Medikamentenbewertung halten Sie für besonders wichtig?

Laut ASVG besteht für jeden ein Anspruch auf die Therapie, die dem Stand der Wissenschaft entspricht. Die Medikamentenbewertung muss objektiv und nachvollziehbar sein, also auf Evidenz beruhen. Aber: Als Experte erwartet man bei der Beurteilung, dass auf Basis der Evidenz auch eine Extrapolation stattfindet. Nicht alles kann in Studien gezeigt werden bzw. es dauert einfach. Hier besteht dann die Gefahr, den Patienten möglicherweise etwas vorzuenthalten, was lebensverlängernd sein kann – nur weil es dazu noch keine Evidenz gibt. Wenn Experten diskutieren, dann geschieht dies auf Basis ihres Wissens und mit dem Mut und der Bereitschaft, nicht nur bekannte Evidenz zu berücksichtigen, sondern auch in der Verpflichtung eben jene Evidenz zu schaffen. Die Frage nach dem medizinischen Wert und der direkten Wirkung auf den individuellen Patienten muss aus meiner Sicht hier immer über den ökonomischen Kriterien stehen.

Was vermissen Sie in dieser Entwicklung?

Man muss bei all den Diskussionen im Auge behalten, worum es in Wirklichkeit geht: um Menschen, die ohne Selbstverschulden eines sozialen Netzes, der Sozialversicherung, bedürfen, denn krank zu sein, sucht sich niemand aus. Was die Sozialversicherung tut, ist also kein Selbstzweck, sondern dient dem Ziel, möglichst vielen Menschen möglichst gute Therapien angedeihen zu lassen. Es geht in der Sozialversicherung also letztlich darum, gute Therapien jenen zu ermöglichen, die bei der Diskussion um die Erstattung nicht anwesend sind: den Patienten.