Mag. Alexander Herzog

EIN GESTALTER FÜR DIE BRANCHE IM UMBRUCH IM GESPRÄCH MIT IQVIA

 

Mag. Alexander Herzog ist seit 1. Juli 2018 neuer Generalsekretär der Pharmig, des Verbands der pharmazeutischen Industrie Österreichs. Für IQVIA hat er sich einigen kritischen Fragen gestellt.

 

Warum haben Sie die SVA verlassen? Was war für Ihren Wechsel ausschlaggebend?

Ich komme aus der Wirtschaft, war nun einige Jahre im Sozialversicherungsbereich tätig und kehre nun in die Industrie zurück. Viele Erfahrungen sind in meiner neuen Funktion nützlich. Als Vorstandsmitglied bei der Wiener Gebietskrankenkasse habe ich mich in das Krankenhauswesen eingearbeitet und viele Berührungspunkte mit der pharmazeutischen Industrie gehabt, später habe ich die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft digitalisiert, restrukturiert, dort Prozesse optimiert und die SVA kundenfreundlicher gemacht. 

Die Gesundheitsbranche ist im Umbruch. Ich glaube, dass es auch nötig ist, mutig an große Reformen heranzugehen. Wir haben ein gewachsenes System, das unter ganz anderen Voraussetzungen entstanden ist. Das heißt: So spannend war die Gesundheitsbranche noch nie. Und ich möchte sie sehr gern in dieser Phase in dieser Position zukunftsweisend mitgestalten.

Welche Pläne haben Sie für die Pharmig? Gibt es Schwerpunkte, die Ihnen jedenfalls am Herzen liegen?

Die Unternehmen der Pharmawirtschaft sind hoch-innovativ, die Pharmig-Mitgliedsunternehmen verdienen einen modernen Pharmaverband. Der Ende 2017 initiierte Entwicklungsprozess geht voran, um auf die geänderten Rahmenbedingungen rascher reagieren zu können und den Mitgliedsunternehmen ein besseres Service zu bieten. Einfach gesagt: Modernisierung mit der Vision, der modernste Pharmaverband Europas zu werden.

Was braucht Österreichs Pharmawirtschaft Ihrer Ansicht nach jedenfalls, um sich auf dem Markt erfolgreich zu positionieren?

Egal ob für die pharmazeutische Industrie oder andere Branchen: innovationsfreundliche und vor allem langfristig verlässliche Rahmenbedingungen sind wesentliche Entscheidungskriterien dafür, wo Unternehmen investieren und wo sie sich niederlassen. Dazu zählen in unserem Fall sicherlich faire Erstattungspreise für Arzneimittel und transparente Prozesse. 

Wie sehen Sie die Rolle der Pharmig im heimischen Gesundheitswesen? Zu schwach, stark genug, ausbaufähig?

Ich bin ein Gestalter. Aktuell befindet sich die Gesundheitsbranche im Umbruch – sie war also noch nie so spannend und bietet viele Gestaltungsmöglichkeiten. Als Teil davon ist die Pharmaindustrie unverzichtbar. Die Rolle der pharmazeutischen Industrie in dieser Phase zu definieren und zu gestalten, sind aufregende, spannende und sinnvolle Aufgaben. Ich habe den Anspruch, mitzugestalten und das ist auch das Selbstverständnis des Verbandes.

Was vermissen Sie in dem Bild, das die Öffentlichkeit von der Pharmawirtschaft hat?

Das Image, der Ruf und die Positionierung der Branche entsprechen meines Erachtens nicht der Realität. In vielen Gesprächen habe ich eine hoch-innovative und leistungsfähige Branche kennengelernt. Ich will ein Bewusstsein für die Leistungen der Branche und der Unternehmen schaffen – sie agiert mitunter sehr zurückgezogen. Ich will den Vorhang lüften und den Blick hinter die Kulissen ermöglichen; herzeigen, was die Branche wirklich leistet. Und damit die öffentliche Wahrnehmung der Branche der Realität angleichen.

Welche großen Herausforderungen erwarten Sie für die Pharmawirtschaft in den nächsten fünf bis zehn Jahren?

Die klinische Forschung in Österreich ist aktuell rückläufig. Hier verlieren wir Potenzial, was das Know-how und die Versorgung der Patienten mit neuen, innovativen Arzneimitteln betrifft. Dass die Regierung ein klares Bekenntnis zum heimischen Produktionsstandort abgegeben hat, ist zu begrüßen – darüber hinaus halten wir die Erhöhung der Forschungsprämie und eine Verbesserung der Investitionsförderung für sinnvoll. Um das hohe Ausbildungsniveau in Österreich auch in Zukunft halten zu können, wünsche ich mir einen Ausbau der MINT- und Life-Science-Fächer. Branchen-neutrale Forderungen sind weiters die Senkung der Lohnnebenkosten, ein flexibleres Arbeitsrecht und mehr Mut für Neues vonseiten der Regierung.

Und welche Änderungen würden Sie sich wünschen?

Hohe Produktionskosten, sinkende Arzneimittelpreise und strenge gesetzliche Preisregularien setzen pharmazeutische Unternehmen in Europa zunehmend unter Druck. In der Folge kommt es dazu, dass Pharmafirmen ihre Herstellungsstätten in wirtschaftlich günstigeren Regionen außerhalb Europas ansiedeln. Wobei dieser Trend andere Branchen genauso betrifft. Um die Standortvorteile Österreichs aufrechtzuerhalten und weiter auszubauen, müssen wir uns strukturell weiterentwickeln und auf nachvollziehbare, transparente Prozess pochen, die es ermöglichen, dass Medikamente schnell auf den Markt kommen.

Die Pharmabranche ist ein Faktor von mehreren in der Gesundheitsbranche. Wie sieht beispielsweise die Zusammenarbeit mit Ärzteschaft, Kassen und Politik aus, wenn es nach Ihnen geht?

Der Gesundheitsbereich ist ein System mit vielen Playern. Das Bestreben, als mitgestaltender, proaktiver Partner verstanden zu werden, war immer da. Aus zehn Jahren in der Sozialversicherung und als früherer Unternehmer kenne ich die Bedürfnisse beider Seiten. Mit mir als neuem Partner können wir am Verhandlungstisch gemeinsam mit den anderen Stakeholdern auch neue Wege beschreiten. Mein Motto lautet hier: Brücken bauen und Konsens finden.

Gibt es Themen, für die Sie sich von der Pharmawirtschaft mehr Offenheit wünschen würden?

Wir sollten ganz einfach mehr und offener über das, was wir tun, sprechen. Damit die Öffentlichkeit sieht, was diese Branche Tolles leistet. Es geht darum, der Branche ein Gesicht zu geben, raus aus der Anonymität zu gehen. Wir wollen uns mehr noch als Experten für Gesundheitsthemen etablieren.

Was braucht Österreich, um sich in der Pharmaforschung stärker zu etablieren?

Um den Forschungsstandort Österreich im internationalen Kontext attraktiv zu halten, sind gemeinsame Anstrengungen notwendig. Staatliche Förderungen, Unterstützung im akademischen Bereich oder das Bewusstsein, klinische Forschung auch als Teil der Gesundheitsversorgung zu sehen, sind nur ein Teil davon. Die Entscheidung, eine Studie in einem bestimmten Land durchzuführen, fällt aufgrund verschiedener Faktoren: die Anzahl an potenziellen Studienteilnehmern, fachliche Expertise und internationales Standing der Forscher, Infrastruktur und Ressourcen. Letzteres bezieht sich zum Beispiel darauf, dass neben den Ärzten selbst auch ausreichend speziell geschultes Personal verfügbar ist, das den administrativen Aufwand hinter solchen Studien bewerkstelligen kann. Das wiederum braucht eine gute Verankerung in den Spitälern, etwa durch zentrale Koordinationsstellen für klinische Studien. Die stärkere Investition in solche Maßnahmen ist die Grundlage, um in Österreich auch zukünftig klinische Forschung für Patienten, Forscher und Unternehmen realisieren zu können.

Mehr Informationen: www.pharmig.at

 

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