Zukunftsgespräche

NEUE FINANZIERUNGSIDEEN FÜR DIE APOTHEKEN

 

Zukunftsgespräche – Neue Finanzierungsideen für die Apotheken

Fixe Vergütungen für jede Medikamentenpackung, faire Spannen, regelmäßige Valorisierungen und die Honorierung erweiterter pharmazeutischer Dienstleistungen – das waren einige der Forderungen und Ideen, die in der ersten Runde der „Zukunftsgespräche“ von IQVIA und pharmatime diskutiert wurden.

Ständig sinkende Erträge bei immer höheren Umsätzen, zugleich aber stark steigende Personal- und Betriebskosten – seit Jahren stehen Österreichs öffentliche Apotheken vor diesem wirtschaftlichen Dilemma. Kein Wunder, dass sich die ersten Teilnehmer der „Zukunftsgespräche“ dieses heißen Themas annahmen. Zu dem neuen Format werden Apotheker und Pharma-Manager in unregelmäßigen Abständen eingeladen, um im kleinen Kreis und in großer Offenheit miteinander zu diskutieren und Ideen auszutauschen.

Mitte Oktober stellten sich im Studio 67 in Wien das gesamte Präsidium des Österreichischen Apothekerverbands – Jürgen Rehak, Thomas Veitschegger und Christian Wurstbauer – sowie Andreas Windischbauer als Vertreter der Arzneimittelvollgroßhändler der Frage: „Änderung des Honorierungssystems der Apotheke: Spanne oder Honorar? Was hat Zukunft?“ Mehrere Dutzend Besucherinnen und Besucher verfolgten die Podiumsdiskussion unter der Leitung von pharmatime-Chefredakteur Hans Jakesz und lieferten auch eigene Beiträge.

 

Negative Folgen des Spannensystems
Alle Diskutanten waren sich einig: Angesichts der Reglementierung und Senkung der Industriepreise von rund 1.000 Produkten in den vergangenen Jahren sowie einer 2019 drohenden weiteren Kürzungsrunde erweist sich das bisherige Spannensystem für die Apotheken als extrem ungünstig. Ihre Vergütung sank im Durchschnitt um etwa 7.200 Euro pro Betrieb. Insgesamt beliefen sich die Vergütungen durch den Hauptverband der Sozialversicherungsträger im Jahr 2016 auf etwa 408 Millionen Euro, 2017 waren es nur noch 407 Millionen. Aufgefangen werde die Stagnation im Basisgeschäft derzeit durch den starken Anstieg der Hochpreiser*, erklärte Verbandsvizepräsident Thomas Veitschegger. Allerdings sei unsicher, wer in Zukunft für deren alleinigen Vertrieb zuständig sein wird. Auch gebe es Diskussionen über eine Preisdeckelung in diesem Segment. Christian Wurstbauer machte die schwierige Lage der öffentlichen Apotheken anhand von vier Kennzahlen deutlich: Von 2009 bis 2016 stiegen die Umsätze der Krankenkassen um 23,4 %, die Vergütungen der Apotheker aber nur um 4 %. Zugleich zogen die Inflation und die Personalkosten um 16 bzw. 16,4 % an.

 

Probleme mit Direktvertrieb
Andreas Windischbauer wies darauf hin, dass der Pharma-Großhandel als engster Partner der Apotheken durch den Direktvertrieb der Industrie – vor allem Hochpreisern – ausgeschlossen wird. Deren Wert liege bereits bei 600 Millionen Euro. Für die Patienten bedeute das einen schlechteren Servicelevel: Ein 50-Cent-Generikum werde binnen zwei Stunden zugestellt, auf ein 10.000 Euro-Präparat müsse man manchmal tagelang warten, weil die Logistik-Center am Freitagnachmittag oder Samstag nicht liefern. 140 Millionen Packungen würden derzeit vom Großhandel an die Apotheken geliefert, so Windischbauer. Bei der Hälfte davon erziele man eine geringere Spanne, als ein Standardbrief der Post kostet: „Da läuft etwas grundlegend schief in unserem System.“ Auch angesichts der Tatsache, dass ein Drittel der in Österreich benötigten Medikamente im Ausland gelagert wird und es immer wieder zu Lieferengpässen kommt, warnte Windischbauer vor einer latenten Gefährdung der Versorgungssicherheit.

 

Internationale Vergleiche
Auf der Suche nach einer Lösung hat der Apothekerverband alternative Vergütungssysteme in Belgien, Tschechien und Deutschland analysiert. Diese arbeiten mit einer Kombination aus Fixpreisen pro Packung oder Rezept, einer Leistungskomponente für die Beratung und verschiedenen Spannen. Deutsche Apotheker erhalten etwa einen Fixzuschlag pro Packung von 8,35 Euro, von dem 1,77 Euro Rabatt für die Krankenkasse abgezogen wird, sowie eine Spanne von 3 % über die gesamte Bandbreite der Arzneimittel.

Das deutsche Modell wurde vom Verband auf Österreich umgelegt und ergab in der ersten Berechnung ein Packungshonorar von 3,56 Euro plus 3 % Spanne auf den Apothekeneinkaufspreis. Dieses System hätte den Vorteil einer gesicherten Grundabgeltung der pharmazeutischen Arbeit und einer größeren Unabhängigkeit von den Preisverhandlungen, an denen die Apotheker ohnehin nicht beteiligt sind. Allerdings wäre eine regelmäßige Valorisierung unbedingt notwendig, um eine faire Vergütung nachhaltig zu sichern. Valorisierung sei in der Sozialpolitik aber noch immer ein Reizwort, betonten die drei Verbandsfunktionäre. Deswegen setzen sie vor einer Systemumstellung auf einen Zwischenschritt. „Das Ziel des Fixbetrages verlieren wir aber nicht aus den Augen“, versicherte Wurstbauer.

 

Fotos: © Pharma-Time Verlag – Maren Jeleff

 

Kostenneutrales Modell als Zwischenschritt
„Wir wollen eher evolutionär als revolutionär an das Problem herangehen“, erklärte Präsident Rehak. Auch eine enge Abstimmung mit den Pharma-Großhändlern sei ihm wichtig. Das vorerst kostenneutral gerechnete Modell des Verbands sieht so aus: Der Aufschlag der Krankenkasse bei Arzneimitteln unterhalb der Rezeptgebühr soll in etwa auf das Niveau des Privatbereichs angehoben werden. Das betrifft rund 41 % der Medikamente. Derzeit gibt es in der Vergütungskurve einen starken Anstieg, dann einen deutlichen Abfall, der erst ab einem Packungspreis von 540 Euro wieder deutlich steigt. Der Verband befürwortet in seinem Modell einen kontinuierlicheren Anstieg. So sollen die sogenannten Stehzonen eliminiert werden: „Derzeit bekommt der Apotheker für ein Medikament, das 160 Euro kostet, weniger als bei einem, das zehn Euro kostet“, erklärte Rehak. „Wir müssen die Vergütung dorthin bekommen, wo die tatsächliche Arbeit ist.“ Bei einem günstigen Arzneimittel oder Generikum gebe es oft einen höheren Beratungsbedarf als bei einem teuren Spezialmedikament.

 

Bei Hochpreisern nachlassen
Rehak plädierte auch für ein Nachlassen bei den wichtigen Hochpreisern, die derzeit stagnierende Umsätze ausgleichen und viele Apotheken am Leben erhalten. Im Bereich zwischen 200 und 2.000 Euro soll die 3 %-Spanne zwar beibehalten werden, darüber hinaus aber sinken. Rehak räumte ein, dass zurzeit gar keine Forderungen an die Politik herangetragen werden können: „Mit dem Hauptverband ist uns der Verhandlungspartner de facto abhanden gekommen. Wir wissen nicht, mit wem wir reden sollen.“ Wurstbauer versicherte aber, dass trotzdem „vieles in Umsetzung ist, auch wenn es sehr langsam geht“.

 

Zusätzliche Angebote der Apotheken
Breiten Raum nahm die Diskussion über zusätzliche Dienstleistungen der Apotheker als neue Einnahmequelle ein – etwa Disease-Management, das Messen von Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin, einfache Impfungen, Beratungen im Bereich rezeptfreier OTC-Produkte. Anfang Oktober startete die Apothekerkammer ein Pilotprojekt im Bereich Polymedikation, das nach erfolgreichem Test Ende nächsten Jahres ausgerollt werden soll. Es handelt sich um einen EDV-gestützten Sicherheitscheck, der die Verschreibung vieler Medikamente sicherer machen und die Behandlungsqualität der Patienten steigern soll. „Wenn wir ein Honorarsystem wollen, dann müssen wir klar sagen, welche Dienstleistungen darin enthalten sind“, so Rehak. „Der Sicherheitscheck ist eine solche Leistung und die kostet etwas.“

 

Apotheker-Leistungen beweisen
Christian Wurstbauer warb dafür, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, um die Leistungen der Apotheker nachvollziehbar zu machen. „Wir müssen die Prozesse abbilden und auch quantifizieren. Ich muss genau wissen, was ich auf eine Honorarnote schreiben kann – das Wort Beratung allein ist zu wenig.“ Außerdem sollten die hoch qualifizierten Pharmazeuten tatsächlich mehr pharmazeutische Dienstleistungen erbringen und weniger Rezepte zusammenstellen. Auch andere Angebote könnten sowohl für die Sozialversicherung als auch für die Patienten attraktiv sein – etwa die Apotheke als orientierungsgebende Erstanlaufstelle.

„Patienten finden hier Ersthilfe, Problemlösungen, Empfehlungen, wohin sie sich wenden können“, so Rehak. Eine professionelle Lotsen- und Triagefunktion sei eine zu honorierende Leistung. Die kontinuierliche Entwicklung medizinisch abgesicherter Beratungsleitfäden zu allen möglichen Fachthemen soll die Apotheker dabei unterstützen, die Basisversorgung der Menschen zu verbessern. Dem Thema Online-Handel steht der Apothekerverband skeptisch gegenüber: „Wir glauben nicht, dass wir da etwas verdienen können“, so Rehak, „aber wir müssen ein Angebot machen, um den Schaden abzuwenden, den andere verursachen“.

 

Wunsch zum Abschied
„Wir müssen uns mehr trauen und auch zutrauen“, appellierte Wurstbauer zuletzt in Richtung der Apotheker. „Wir müssen unsere Leistung beweisen, dann haben wir ein Argument für ein faires Basishonorar mit Valorisierung, setzen darauf spezialisierte Dienstleistungen wie die Medikationsanalyse, setzen darauf neue Angebote wie die orientierungsgebende Erstanlaufstelle und die Triagierung – dann haben wir eine Zukunft.“ Auch Verbandspräsident Rehak beantwortete die Ausgangsfrage des Zukunftsgesprächs eindeutig: „Ja, es geht in Richtung Honorarsystem.“ Um das zu erreichen, werde sich das Berufsbild des Apothekers aber verändern müssen hin zu „weniger Handel und mehr pharmazeutischer Beratung“.

 

von Dr. Stefan Galoppi (leicht gekürzte Version, Originaltext in pharmatime, 11/18)

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* Arzneimittel über 200 Euro

 

 

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